Projekttage an Schulen zum Thema Kiezdeutsch

Die Beschäftigung mit Jugendsprache und/oder einer jugendsprachlichen Varietät wie Kiezdeutsch kann dazu führen, dass sich Kinder und Jugendliche bewusst mit ihrer eigenen und mit fremden Sprechweisen auseinandersetzen. Auch in den Rahmenlehrplänen für die Sekundarstufe 1 und 2 wird die Auseinandersetzung mit Sprache und Sprachgebrauch, insbesondere mit verschiedenen Varietäten des Deutschen, gefordert. Jugendsprachen, jugendliche Sprechstile und Jugendkulturen werden als mögliche Themenkomplexe vorgeschlagen. (z.B. RLP Brandenburg Sek. 1, RLP Brandenburg Sek. 2)

Wir stellen auf dieser Seite beispielhaft einige unserer Schulprojekte und Workshops zu Kiezdeutsch vor, um Anregungen für ähnliche Projektideen zu liefern.

 Projekttage an der Hector-Peterson-Gesamtschule in Berlin-Kreuzberg (Klassenstufe 9)

Zum Abschluss des Schuljahres 2007/2008 gab es an der Hector-Peterson-Gesamtschule in Berlin-Kreuzberg Projekttage zu verschiedenen Themenbereichen. Für die Klassenstufe 9 organisierten Kerstin Paul und Eva Wittenberg von der Universität Potsdam ein Projekt zum Thema "Jugendsprache - Kiezdeutsch".

Bei diesem Projekt setzten sich die Schülerinnen und Schüler im Rahmen von Eigenaufnahmen zunächst mit ihrer eigenen Sprache und Sprechweise auseinander: Wie sprechen wir untereinander? Sprechen wir mit unseren Freunden und Freundinnen anders als mit Lehrern und Eltern? Sprechen Jungen anders als Mädchen?


Danach führten die Schülerinnen und Schüler Interviews mit Passanten zu folgenden Fragestellungen durch:

Anschließend erstellten die Schülerinnen und Schüler Präsentationen und bearbeiteten die Interviews mit Video- und Tonschnittprogrammen. Am Ende der Projekttage wurden die Ergebnisse der gesamten Jahrgangsstufe präsentiert.

Wir möchten uns herzlich bei den interessierten Schülerinnen und Schülern der Hector-Peterson-Gesamtschule und ihren Lehrerinnen für diese fruchtbaren Projekttage bedanken!

 Projekttage an den BBS V Braunschweig (Klassenstufe 12)


     Lehrer und Schüler der BBS Braunschweig bei den Projekttagen zu Kiezdeutsch

Zum Abschluss des 1. Halbjahrs im Schuljahr 2007/2008 führten die Berufsbildenden Schulen V Braunschweig Projekttage im Rahmen der Initative "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" durch. Mit der Klassenstufe 12 haben Eva Wittenberg und Kerstin Paul von der Universität Potsdam ein Projekt zum Thema "Jugendsprache - Kiezdeutsch" durchgeführt. Themen dabei waren z.B. grammatische Untersuchungen von Kiezdeutsch, die Auseinandersetzung mit Vorurteilen gegenüber Sprachen und Sprechweisen, die Bewertung von Sprachstilen oder das Thema "Sprachideologie".

Die Schülerinnen und Schüler konnten sich an zwei Tagen mit vier Themenbereichen auseinandersetzen. Die sehr kreativen Arbeitsergebnisse wurden am letzten Tag gemeinsam präsentiert.

Thema Beschreibung/ Leitfragen Ergebnis

Grammatik

[Material 1]; [Material 2]

Was ist Kiezdeutsch?
Welche Besonderheiten gibt es?
Wie unterscheidet sich Kiezdeutsch vom Standarddeutschen?

Erstellung eines Reise- und Sprachführers

[Ergebnis 1]; [Ergebnis 2]

Stilisierte Varianten

Was unterscheidet stilisierte Varianten von "echtem" Kiezdeutsch?
Was soll der Stil ausdrücken?
Wie wirken die stilisierten Varianten?
Präsentation
Sprachpolitik und Sprachideologie

[Material]

Welche Argumente bietet die öffentliche Diskussion?
Wie werden die Sprachentwicklung und der Sprachgebrauch Jugendlicher beurteilt?
Was ist die eigene Position?
Interviews mit Passanten, Lehrern usw.; Radiofeature
Sprache und Identität Wie hängt Sprache mit Identität zusammen?
Auf welche Arten drücken Jugendliche ihre Identität aus?
Fotosession, Präsentation

Das Thema führte zu Diskussionen und interessanten, differenzierten Bewertungen. Jugendsprache und erst recht Kiezdeutsch waren bisher nicht Thema im Unterricht gewesen, und die Erkenntnis, dass auch vom Standarddeutschen abweichende Varianten ihre Berechtigung haben, war für die meisten eine ganz neue Sichtweise. Insgesamt bewerteten die Schülerinnen und Schüler die Projekttage mehrheitlich positiv. Auch die Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern der BBS V war sehr angenehm.

 Workshop für angehende Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Malmö (Schweden)


 

     an der Malmö Högskola

 

Um als DeutschlehrerIn tätig zu sein, ist es hilfreich, verschiedene Varietäten des Deutschen und vor allem auch die Jugendsprache zu kennen. Der Workshop von Kerstin Paul und Kathleen Schumann zum Thema Kiezdeutsch in Malmö verfolgte zum einen das Ziel, diese Kenntnisse zu vermitteln, zum anderen ist das Thema auch speziall für Malmö geeignet, da starke Parallelen zum schwedischen Äquivalent der jugendsprachlicher Multiethnolekte bestehen, in Malmö unter dem Namen "Rosengård-Svenska" bekannt.

Die Deutsch-Studierenden im Haus der Lehrerausbildung der Malmö Högskola arbeiteten nach einem einführenden Vortrag zu Kiezdeutsch an verschiedenen Themen, die sich mit grammatischer Struktur und sprachideologischen Aspekten multiethnischer Jugendsprachen beschäftigten.

Besonders interessant waren für die Studierenden dabei die Einblicke in die syntaktischen Variationen, die keineswegs beliebig sondern eher systematisch auftreten. Sprachlich kreative Ad-hoc-Bildungen (z.B. Tella-Bella für "Pappteller und -becher") faszinierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen besonders und sie bewerteten einige der Konstruktionen aus ihrer eigenen Lernerperspektive als sehr praktisch und funktional.

In einer Diskussion wurden Parallelen zum Rosengård-Svenska sowohl auf sprachlicher als auch sozialer Ebene hergestellt. Sehr eindrucksvoll war die äußerst engagierte Präsentation über ein fiktives Kiezdeutsch-Unterrichtsszenario in Form eines Rollenspiels, dargeboten von den beiden Leitenden des Lehrstuhls. Da wurde sehr deutlich, was Ziele aber auch Probleme bei der Thematisierung von Kiezdeutsch im Unterricht sein können. Die Studierenden erkannten, dass Kiezdeutsch eine gute Möglichkeit ist, um auf die Variabilität des Standarddeutschen hinzuweisen und besonders im Falle von Rosengård-Svenska Sprachbewusstheit zu fördern.

Das Feedback der Runde war sehr positiv und es ist erfreulich, dass Kiezdeutsch in den Köpfen einiger angehender Deutschlehrerinnen und -lehrer einen Platz finden konnte und sich aus der Thematik auch Impulse für deren zukünftige Unterrichtsgestaltung ergeben haben.

 Workshop für Deutschlerner: Yale Summer School 2008

Auch für Deutschlerner ist Kiezdeutsch interessant: Zu diesem Schluss kamen 15 Yale-Studenten, die im Rahmen der Yale Summer School 2008 in Berlin einen Vortrag über Kiezdeutsch hörten. Vor allem die soziologische Seite war für die Besucher spannend: Wie geht man in Deutschland mit ethnischen Minderheiten um? Wie leben Jugendliche in Deutschland? Wo leben welche Nationalitäten in der Metropole Berlin?

Kontrastive Grammatikübungen halfen schließlich, über eigene Ausdrucksweisen im Deutschen nachzudenken, tiefer liegende Strukturen zu erkennen und Kiezdeutsch mit anderen Sprachen zu vergleichen. So wurde der "linguistische Blick" geschärft - auch für standarddeutsche Regularitäten!

Auch über die sprachideologische Seite von Varietäten wurde ausführlich diskutiert: Warum wird jemand allein auf Grund seines Dialektes oder seines Sprechstils für dumm gehalten? Kann man daran etwas ändern? Diskriminiere ich andere auf Grund von deren Sprache?

Den Studenten der Yale Summer School 2008 ein herzliches Dankeschön für ihre anregenden, neugierigen und interessierten Fragestellungen!